Leben mit der Krise
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Hinfallen ist keine Schande ...

>> Festhalten an jedem Strohhalm

Die missglückte Expansion hinterlässt einen Berg von Schulden. In der Zwischenzeit wurde eine Familie gegründet - nur: wie sag ich es ihr? Am besten gar nicht...

Stichworte: Branchen: Gastronomie | Erfahrungsberichte | Exekution | Familienbetrieb | Konkursantrag | Teamgründung | Unsicherheit

Ich hab es versucht, aber ich hab aus dem kleinen Beisl einfach nicht soviel herausholen können, das geht einfach nicht. Die Schulden aus dem ersten Bezirk haben mir auch das Beisl ruiniert. Ich hatte noch Beratung eingeholt, sie haben gemeint, ich müsste meine Preise verdoppeln. Aber soweit kann ich selber auch rechnen und das mag vielleicht theoretisch sein, aber das kann ich an dem Standort nie verlangen. Da trinkt mir keiner mehr ein Bier.

Das war eine schlimme Zeit, man hält sich an jedem Strohhalm fest, aber immer im Hinterkopf zu haben, es sind vergebene Jahre. Ich wusste nicht, was sollte ich machen. Mein Problem war, dass ich in meiner jugendlichen Sturm- und Drangphase einige Zeit im Ausland war und da hab ich auch gleich leichtfertig die österreichische Staatsbürgerschaft über Bord geworfen. Ich bin in den ganzen Kreislauf der Ausländergesetze reingekommen, dass ich waschechter Österreicher war und bin, hat da keine Rolle gespielt. Ich hab auf meine Wiedereinbürgerung warten müssen. Solange das Verfahren lief konnte ich nicht aufhören, ich hätte aufgrund der Gesetze nicht einmal eine Arbeitsgenehmigung bekommen. Dabei hatte ich in der Zwischenzeit geheiratet und zwei Kinder. Ich musste also einfach weitermachen, egal wie.

Das hat natürlich auch alles die Familie sehr belastet. Meine Frau hat wahrscheinlich vieles geahnt, sie hat vielleicht 40% gewußt. Manchmal kann man besser spielen und manchmal weniger, aber in der Tragweite, was da alles an menschlichen und psychischen Problemen dahintersteckt, das habe ich - so gut es ging - von ihr ferngehalten. Sie ist mit den zwei kleinen Kindern allein zu Hause gesessen und eines war sehr viel krank, sie war damals auch schon sehr belastet. Sie hat damals jemanden gebraucht aber ich hätte damals selbst jemanden gebraucht. Das war eine Scheisszeit.

Dann kommt das Trinken dazu. Nicht halt ein paar Seidel sondern auch Schnaps dazu und im Grunde ist es nichts anderes, als dass du alles abtötest. Und das funktioniert auch, in der Phase des Trinkens funktioniert das recht gut. Nur am nächsten Tag in der früh funktioniert das halt nimmer so sehr. Dann hat sie natürlich eine Freud gehabt wenn ich nach Haus gekommen bin um vier in der früh mit einem Muglrausch im Gesicht.

Und man schaltet dann halt selbst ab und wird blind und dann kommts wieder hoch und wieder nieder. Das hatte alles eine Größenordnung erreicht wo alles nur mehr wie eine Automatik funktioniert. Alle wollen was von mir, die Familie braucht auch was, und ich hab nichts mehr, einer nach dem anderen kommt und es ist nichts mehr da. Und zu Hause wollt ich das nicht so hundertprozentig direkt sagen.

Weiterlesen:

Kap. 1: Hinfallen ist keine Schande ...

Kap. 2: Ein Beinahe-Familienbetrieb und die ersten Probleme

Kap. 3: Das zweite Standbein und von nun an ging es bergab

Kap. 4: Festhalten an jedem Strohhalm

Kap. 5: Status, Versagen und Verhandeln: Beim ersten Mal ist es dir noch peinl

Kap. 6: Die Befreiung

Kap. 7: Das Leben danach

Online seit: 29.07.2003

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