Leben mit der Krise
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Hinfallen ist keine Schande ...

>> Status, Versagen und Verhandeln: Beim ersten Mal ist es dir noch peinl

Mutlosigkeit und Versagensgefühle dominieren inzwischen Michaels Welt. Aktives Krisenmanagement wäre in dieser Phase spätestens notwendig, aber die Kraft reicht nicht mehr.

Stichworte: Branchen: Gastronomie | Erfahrungsberichte | Exekution | Familienbetrieb | Konkursantrag | Teamgründung | Unsicherheit

Die Dinge zu kaschieren, zu verdecken, zu verstecken, damit verbringst du wirklich mehr Zeit, als wie an Lösungen zu denken. Also die Energien gehen in dieser Phase in die völlig falsche Richtung. Damit das ja die Anderen nicht mitbekommen, die Freunde, das komplette Umfeld, das war mir schon immens wichtig - im nachhinein gesehen, völliger Schwachsinn. Das Einzige, was dich noch hält ist eh die Familie und die im Unklaren zu lassen, ist von daher vielleicht eh nicht besonders intelligent. Hätte ich meiner Frau von Anfang an reinen Wein eingeschenkt und nicht komplett versucht, das zu verstecken, wären vielleicht konstruktivere Ideen entstanden. Aber so, sie hat halt auch gedacht, das ist eine momentane Schieflage. Ich hab das auch immer als temporär dargestellt.

Irgendwann lässt es sich eh nicht mehr vermeiden, auch zu Hause, da ist der Exekutor auch schon nach Hause gekommen. Und Statussymbole wie ein großes Auto oder so, das war schon lange vorbei, das war überhaupt nicht mehr aufrecht zu erhalten. Ich muss sagen, dass ich dann damit weniger Probleme gehabt hab, als ich vermutet hätte. Aber sich zugeben zu müssen, dass du versagt hast auf allen Ebenen. Sobald dir klar wird, das geht den Bach runter, geht das sofort mit dem Gefühl einher, versagt zu haben und zwar in allen Dingen.

Du wirst dann auch völlig mutlos, wie soll ich sagen, ein selbstbewusstes oder forsches Auftreten, das geht einfach nicht mehr. Selbst wenn du es spielen würdest, das merkt sofort jeder, weil dahinter ist totale Unsicherheit, Wurschtigkeitsgefühle, Apapthie eigentlich, fast in Depressionen gehend. Versagt zu haben, hat mich sehr getroffen. Heute nicht mehr so sehr, aber damals war das schlimm. Das schlimme ist, du siehst es nicht als ein Problem, sondern als Tausende Probleme, du weißt ja gar nicht mehr, wo fang ich zuerst an. Du hast gar nicht mehr die Möglichkeiten, irgendwelche realistisch vorhandenen Möglichkeiten zu sehen oder zu verfolgen.

Das Einzige worauf du wartest: scheisse, da geht die Tür auf, da kommt einer rein mit einer Aktentasche in der Hand und selbst das lässt du irgendwann nur mehr über dich ergehen. Beim ersten mal ist es dir noch peinlich, weil es sind ja auch Gäste im Lokal, die das mitbekommen. Aber ich muss sagen, die waren eh meist in Ordnung, die machen dann auf Vertreter oder sowas und manche kennst du dann schon mit der Zeit. Aber trotzdem, man muss sich vorstellen, du sitzt in deinem Wirtshaus und jedesmal wenn die Tür aufgeht die Panik es kommt einer rein, der will was von dir und das noch dazu mit Recht.

Noch vernünftig zu verhandeln, du schaffst es wirklich nicht mehr in dieser Phase. Ich glaub, ich hab es eh noch relativ gut überspielt im Vergleich zu dem wie es mir gegangen ist. Mir war oft zum Heulen, du hast das Gefühl, dass alles Oarsch ist. Ich mein es gibt in dieser Phase ja positive Seiten auch, die seh ich heute sehr wohl, aber du siehst sie nicht mehr, du siehst alles nur mehr tiefschwarz. Und jetzt bin ich nicht nur für mich selbst verantwortlich sondern hab auch noch eine Familie.

Weiterlesen:

Kap. 1: Hinfallen ist keine Schande ...

Kap. 2: Ein Beinahe-Familienbetrieb und die ersten Probleme

Kap. 3: Das zweite Standbein und von nun an ging es bergab

Kap. 4: Festhalten an jedem Strohhalm

Kap. 5: Status, Versagen und Verhandeln: Beim ersten Mal ist es dir noch peinl

Kap. 6: Die Befreiung

Kap. 7: Das Leben danach

Online seit: 29.07.2003

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