Leben mit der Krise
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Hinfallen ist keine Schande ...

>> Das Leben danach

Michael arbeitet heute wieder in der Gastronomie. Er hat ein regelmäßiges Einkommen und so ganz ist die Möglichkeit einer Selbständigkeit nicht aus der Welt.

Stichworte: Branchen: Gastronomie | Erfahrungsberichte | Exekution | Familienbetrieb | Konkursantrag | Teamgründung | Unsicherheit

Ein Leben danach hatte ich mir überhaupt nicht vorstellen können. Aber es ist unglaublich, schon zwei Stunden, nachdem ich den Konkurs angemeldet hatte, hatte ich das plötzlich wieder. Ich meine, nachher kommen schon wieder Tiefpunkte und bis das alles aus und vorbei ist, aber dann ist es mir menschlich wieder sehr gut gegangen.

Dann einen Job zu bekommen ist überhaupt nicht einfach. Ich hab gewusst, ich muss so schnell wie möglich arbeiten gehen, und hab dann eigentlich festgestellt, es schaut auf dem Arbeitsmarkt nicht besonders rosig aus. Und dann hab ich halt den Glücksfall gehabt, dass mein früherer Chef jemanden gesucht hat und da sind wir wieder zusammen gekommen. Und ab dem Zeitpunkt, wo ich gewusst habe, dass ich wieder eine Beschäftigung habe, dann ist es wieder gegangen. Und dann hat es natürlich schon noch Probleme gegeben, aber das war nicht mehr so wie vorher.

Seit zwei Jahren ungefähr hab ich wieder Oberluft. Manchmal hadere ich schon noch, das geht nicht so schnell vorbei, dass man das verarbeitet hat. 99 war das Ende 2000 und 2001 waren so up and downs. Aber jetzt kann ich sagen, bin ich drüber und seh das mit anderen Augen. Und seh auch, was für Möglichkeiten es gegeben hätte, da war nicht nur die Bank. Ich hab auch für das Beisl 20.000 Schilling Miete bezahlt. Als ich gesagt hab, dass es aus ist, hat die Vermieterin gemeint, sie wär auf 8.000 runtergegangen und es steht auch seit Jahren leer. Und ich weiss nicht, wenn ich ihr die Rute ins Fenster gestellt hätte, aggressiv, entweder weniger oder gar nichts, ob sie nicht auch so reagiert hätte. Ich glaube ja.

Am Verhandlungsweg geht also schon einiges, aber das Problem ist, du bräuchtest dann jemanden, der dich unterstützt. Das muss einer sein, der sich genau in diesem Spektrum der Probleme auskennt und der weiss, dass derjenige, der diese Probleme hat, psychisch nicht mehr in der Lage ist, aus dem Teufelskreis selbst herauszukommen. Jedenfalls jemanden, der dir den Rücken wieder stärkt - überspitzt gesagt: eine Mischung aus Unternehmensberater und Therapeut.

Auch bei mir hätt es wahrscheinlich noch mehr Möglichkeiten gegeben, aber ich hätte halt jemanden dazu gebraucht. Dann wäre der Wirtschaft und dem Staat mehr Geld zugeflossen als jetzt zugeflossen ist. Ich glaube, dem Staat und auch den Banken geht viel Geld darüber verloren und vor allem von den Kleinen. Bei den Großen ist das wieder eine andere Geschichte. Ich glaube, dass es da einen echten Bedarf gibt, dass es da viele gibt, die echt im Regen stehen gelassen werden.

Wieder selbständig zu werden kann ich mir schon vorstellen, aber jetzt muss ich noch ein paar Jahre durch meinen Privatkonkurs durch. Heute weiss ich viel mehr, als ich damals gewusst habe. Ich meine, sowas wie mit dem Lokal in der Innenstadt, das hätte mir einfach nicht passieren dürfen.

Ich würde nie wieder so eine wichtige Entscheidung von nur einem Steuerberater prüfen lassen, weil dass zwei das Gleiche übersehen, ist ziemlich unwahrscheinlich. Und ich hab mich unter Druck setzen lassen, sowas werd ich nie wieder machen. Frei nach dem Motto, "entscheiden Sie sich schnell weil da gibt es noch fünf andere Interessenten", ich war da sehr blauäugig. Beim ersten Lokal war ich da viel sorgfältiger, da sind mir solche Fehler nicht passiert.

Und ich glaube auch, man muss sehr vorsichtig sein, wenn man mit jemand anderem etwas gründet. Weil die Probleme haben ja schon angefangen, als die Bettina und ich uns getrennt haben, das ist alles gut bei Sonnenschein, aber dann gibt es da leicht Probleme.

Das Lokal in der Innenstadt hätte ich jedenfalls nach spätestens drei Monaten abstoßen müssen. Wenn etwas nicht funktioniert, ewige Zeiten daran herumzudoktern, das bringt es nicht. Da musst du dir einfach sagen, das war ein Schuss in den Ofen, abhaken und weitergehen - auch wenn es schmerzt.

Weiterlesen:

Kap. 1: Hinfallen ist keine Schande ...

Kap. 2: Ein Beinahe-Familienbetrieb und die ersten Probleme

Kap. 3: Das zweite Standbein und von nun an ging es bergab

Kap. 4: Festhalten an jedem Strohhalm

Kap. 5: Status, Versagen und Verhandeln: Beim ersten Mal ist es dir noch peinl

Kap. 6: Die Befreiung

Kap. 7: Das Leben danach

Online seit: 29.07.2003

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