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Der Fluch des raschen Geldes

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Renate kommt aus einer traditionellen Selbständigen-Familie. Angestellt zu sein, war ihr immer ein bisschen suspekt. Ein entsprechendes Angebot kam ihr da nur gelegen.

Ich wurde da hineingeboren, meine Großeltern und meine Eltern waren selbständig und da kriegt man ein Selbstverständnis dafür. Lehrerin war zwar in meiner Jugend ein Beruf, der mich auch gereizt hätte, aber ich hab schon die Handelsschule gemacht damit ich schnell im Geschäft meiner Eltern mitarbeiten kann. Das war aber ein kleiner Betrieb, der nie die ganze Familie hätte tragen können.

Ich hab also ein bisschen in Büros gejobbt und hab mit 22 geheiratet und meinen Sohn bekommen und ein Haus gebaut. Wir haben uns schon nach einem Jahr wieder getrennt. Emotional wie ich bin, das Kind unter dem Arm bin ich raus aus dem Haus, hab mir eine Wohnung gesucht und gesagt, das war es. Die Scheidung war dann erst einige Jahre später und da hat sich schon gezeigt, wo ich eher meine schwachen Seiten habe. Mein Exmann hatte 3.000 Schilling im Monat bezahlt und mehr wollte ich auch nicht. Der Richter hat bei der Scheidung zu mir gemeint, dass das nicht gescheit ist, und mir steht auch von dem Haus etwas zu. Es gehört schon viel Blödheit dazu, aber ich hab darauf verzichtet.

Ich war also alleinerziehende Mutter, das Kind war viel krank. Und da hab ich schon gesehen, dass es total schwierig ist so in einem Büro. Ich hatte irrsinnige Wickel, die Kollegen haben einen irrsinnigen Druck gemacht und mir war das unerträglich. Außerdem war mir diese Angestellten-Position sowieso ein bissl suspekt weil ich ja aus einer anderen Ecke gekommen bin.

Ich hab mich mit 9.000 Schilling durchgewurschtelt, davon 3.000 für den Kindergarten und 3.000 für Miete und im Nachhinein frag ich mich, wie sich das alles ausgegangen ist. Und dann war schon immer die Idee, es muss irgendwas passieren. Ich muss irgendwie die Möglichkeit haben, leistungsbezogener zu verdienen. So um 1985 hab ich wieder eine private Beziehung begonnen.

Er verkaufte EDV-Zubehör mit Handelsvertretern. Er meinte, ich sollte das auch machen, da kann ich gut verdienen und mir die Zeit frei einteilen. Und das hab ich dann auch gemacht, ich hab mir mit einem irren Biss einen guten Kundenstock aufgebaut. Ich bin schon ein ziemlicher ehrgeiziger Mensch und kann schon sehr viel arbeiten, das ist etwas, das mich überhaupt nicht stört. Innerhalb von einem halben Jahr ist das toll gelaufen und ich hab Summen verdient, die ich mir vorher nicht hätte vorstellen können.

Der Shooting-Star verlässt das Nest

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Renate war nun Handelsvertreterin und arbeitete mit der Firma ihres Partners. Alles passte, die Konjunktur war gut und die Beziehung funktionierte - noch.

Das ist auch eine arge Geschichte, schon in den ersten Monaten hatte ich ca. 30.000 Schilling im Monat verdient. Das war für mich mit vorher 9.000 Schilling natürlich der absolute Irrsinn, Wahnsinn. Man denkt sich, was tu ich so großartig Anderes? Früher habe ich irrsinnig viel gearbeitet und hab fast nichts verdient und dann sitze ich lässig am Telefon, hab die Kunden besucht. Ich meine, ich komme aus einfachen Verhältnissen, meine Eltern haben furchtbar schwer gearbeitet für ihre Existenz. Und ich hab eigentlich nur Schmäh gfürt.

Ein bisschen übergeschnappt bin ich damals sicher auch, also so etwas wie Starallüren. Ich mein ich war schon dran und hab das konsequent betrieben. Meine Selbstdisziplin ist sicher etwas, das mir zugute gekommen ist. Von der EDV hatte ich überhaupt keine Ahnung. Ich hab nicht einmal gewusst, wie eine Diskette ausschaut. Also ich hab nur mit meiner Persönlichkeit verkauft. Innerhalb kürzester Zeit hab ich die höchsten Umsätze in der Firma eingefahren und sämtliche Männer überholt.

Ich hab sechsstellige Provisionsbeträge bekommen. Es war so, dass ich aus der Differenz zwischen Einkauf und Verkauf 50% bekommen habe. Ich war schon selbständig und hatte den Gewerbeschein, aber es war nicht eigenverantwortlich bis zur letzten Konsequenz. Wir Handelsvertreter haben Kunden akquiriert und diese betreut und waren auch in der Preisgestaltung autonom. Aber wir haben uns nicht gekümmert um die Buchhaltung, um das Mahnwesen, um den Wareneinkauf oder Lager oder sonst was. Dadurch, dass wir auch eine private Beziehung hatten, hab ich da schon auch mitgearbeitet. Aber es war nicht meine Verantwortung.

Die Beziehung war nicht einfach. Er war deutlich älter als ich und es gab dann privat einige Enttäuschungen. Ich hab das menschlich schlecht ausgehalten und mich nach sechs Jahren getrennt - auch dieses Mal hatten wir ein Haus miteinander gebaut. Für mich war damit auch klar, dass ich nicht mehr mit ihm arbeiten will und kann. Ich hab fast Hals über Kopf meine eigene Firma aus dem Boden gestampft, das war 1991.

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Gespannt wie ein Gummiringerl

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Selbständig ist nicht gleich selbständig. Eine eigene Firma hoch zu fahren war aufwändiger als geplant und dann kam auch noch die Wirtschaftskrise.

Eine emotionale Entscheidung war es sicher. Aber ich hab schon viele Gespräche geführt, auch mit der Bank. Mir war klar, dass ich ihre Unterstützung brauche. Meine 100.000 Provision waren ja 200.000 erwirtschafteter Rohertrag und alle haben gesagt, bitte davon kannst du wunderbar leben. Ich hatte einen fast fünf Jahre alten Kundenstock von dem ich auch wusste, dass ich ihn stark an mich persönlich gebunden hatte. Also mit dem Konzept hab ich mir gedacht, wird das funktionieren.

Praktisch über Nacht hab ich auf ein Grundstück meiner Eltern in Wien einen Bürocontainer hingestellt. Es musste auch schnell gehen, sonst hätte ich die Kunden verloren. Was ich natürlich völlig übersehen hatte war, dass ich nicht gleichzeitig telefonieren, Aufträge entgegen nehmen, die Ware beschaffen, die Ware ausliefern usw. kann. Es war also doch sehr viel schwieriger als ich dachte weil ich diese andere Seite nicht so richtig ernst genommen habe. Zum Glück hatte ich eine Schwester, die mir dann halbtags geholfen hat. Das war wirklich eine aufregende und schöne Zeit, aber es war irrsinnig schwierig.

Es waren wohl Hürden, aber es hat funktioniert. Ich habe damals in einem Mietshaus außerhalb von Wien gewohnt. Durch die vielen Kilometer konnte ich mein Leasingauto nicht mehr wie geplant zurückgeben. Dann wurde auf die Wohnung Eigenbedarf angemeldet und ich stand auf der Straße. Meine Eltern hatten einen Pachtgrund von einem Stift, den boten sie mir an, ich könnte ein Haus darauf bauen. Ich hatte wieder eine Beziehung zu einem Mann, der meinte, das schaffen wir schon. Also hab ich wieder Haus gebaut. So hatte ich auch die Möglichkeit, alles auf einem Platz zusammen zu haben und mich auch um mein Kind kümmern zu können. Es war schon wahnsinnig schwierig einen Pachtgrund zu bebauen weil er der Bank keine Sicherheit bietet. Ich war alleinerziehend, selbständig und hatte noch keine ordentliche Bilanz. Dann ist auch noch mein Kind schwer krank geworden.

Es war wirklich brutal. Ich musste irrsinnig viel Energie aufwenden um Mitarbeiter zu finden. In guten Zeiten hab ich fünf Leute beschäftigt. Aber auch hier wieder, furchtbar viel Zeit, viel Energie. Mitarbeiter finden, einschulen, sich mit ihnen beschäftigen, motivieren. Andere Firmen haben dafür eine eigene Abteilung. Aber ich hab immer noch gelebt und auch nicht schlecht. Ich hatte noch alle meine Kunden.

Nicht bedacht hatte ich auch, dass ich durch meine extremen Verdienste in den vergangenen Jahren noch immer irrsinnig hohe Kosten hatte. Sozialversicherung und Einkommenssteuer, ich war überall in der höchsten Klasse. Ich hatte mir auf Anraten meines Steuerberaters ein sündteures Auto geleast. Irgendwie war es mir schon bewusst, aber dieses Mitnehmen dieser Kosten hatte ich nicht eingerechnet. Dann hat auch die Firma irrsinnig viel gefressen. Telefonrechnung, ich brauchte ein Lieferauto, Werbemaßnahmen usw. Mein Steuerberater hat für die Bilanz 50.000 Schilling verlangt. Und Null Startkapital.

Und dazu kam die Wirtschaftsflaute, die sich so langsam eingeschlichen hat. Man hat gespürt, es ist zäh geworden. Also man hat drei neue Kunden gebraucht um die Sparmaßnahmen eines bestehenden Kunden zu kompensieren. Dann haben die Leute nicht mehr bezahlt, ganz schlimm die Zahlungsmoral. Ich hab drei mal so lange gebraucht für den Mahnlauf wie vorher und bin auch immer wieder um Geld umgefallen. Das war nicht leistbar ist in so einer Situation. Da muss alles funktionieren und da kann man keine Sekunde krank sein oder müde. Überhaupt kein Spielraum, gespannt wie ein Gummiringerl.

Mitten im Burnout

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Mitten in der Krise schafft Renate noch einmal einen Rekordumsatz und verkauft das Haus.

Dann hat es natürlich auch bei mir begonnen, ich hab auch nicht immer alles prompt zahlen können. Also damals bin ich jeden Tag auf die Bank gerannt, hab geschaut, was hereingekommen ist und hab sofort Zahlscheine ausgefüllt. Dann ist mir auch noch ein ganz großer Kunde umgefallen. Ich hatte Kunden mit 90 und 120 Tagen Zahlungsziel und da ist es um Riesenbeträge gegangen, die ich vorfinanzieren musste. Aber womit?

Ich hatte einen Umsatz von ein paar Millionen Schilling und auf der Bank einen Rahmen von 100.000 Schilling. Es hat einfach der Spielraum gefehlt. Ich hab von Anfang an mit der Bank sehr offen gesprochen und hab nie beschönigt. Die Banken sind hysterisch geworden weil natürlich da und dort große und kleine Firmen umgefallen sind und sie haben einen ungeheuren Druck gemacht. Also auch meine Beziehung zur Bank wurde immer angespannter und kritischer.

Heute weiss ich, ich hab viele Stärken, der Umgang mit Geld gehört nicht dazu. Und ich bin ein ganz ganz schlechter Verhandler. Ich bin also zur Bank und hab gesagt, dass ich mit diesem Rahmen nicht arbeiten kann. Jetzt hat der zu mir gesagt, verkaufen sie das Haus, bringen Sie damit ihre monatlichen Belastungen herunter und tun sie weiter. Wenn Sie mir die erste positive Bilanz bringen, dann können den Rahmen erhöhen. Das war im Frühling 93.

Ich hab das Haus verkauft und den Umsatz bis zum Jahresende auf 6 Millionen Schilling hochgefahren. In so einer wirtschaftlich schlechten Lage noch so hoch zu fahren, das war aus heutiger Sicht sensationell. Ich weiss gar nicht mehr, wie ich das damals geschafft habe. Ich hab der Bank die Bilanz vorgelegt. Der Effekt war, dass sie meinen Rahmen auf 50.000 reduziert haben. Ich hab geweint wie ein Schlosshund, ich war am Ende meiner Kräfte.

Wie ein Nagel in eine Luftmatratze, eine solche Wirkung hatte dieses Gespräch mit der Bank. Als ob das ganze Blut aus dem Körper entwichen wäre. All die Jahre vorher war ich wirklich ununterbrochen auf 100, immer in Spannung. Ich kann mich nicht erinnern, dass es irgendeine Situation gegeben hätte, wo ich einfach einmal in der Sonne gelegen wäre. Wie ein Hamster im Käfig, immer in Bewegung. Einmal raussteigen und sich das alles anschauen aus einer anderen Perspektive, nicht einmal dafür war Platz. Also mega unproduktiv in Wahrheit. Auch im Freundeskreis, wenn ich gesagt habe, dass es total anstrengend ist und ich nicht mehr weiss, ich das machen soll, also das hat niemand so ernst genommen.

Mir hat der Austausch mit Gleichgesinnten damals sehr gefehlt. Leute, die angestellt sind, leben in einer anderen Welt. Selbst meine Eltern, die kannten zwar die Komplikationen der Selbständigkeit. Aber auch sie haben nicht erfassen können, was bei mir eigentlich los war. Ich war wahnsinnig einsam. Es war niemand da, der mich freundschaftlich begleitet hätte, die Beziehung hat diesen Stress auch nicht überlebt. Den innigsten Kontakt hatte ich mit meiner Bank und mit meinem Steuerberater, also es war wirklich traurig.

Die Last war so immens, ich hab Rückenbeschwerden gehabt, bis hin zu Bandscheibenvorfällen. Und ich hab auch selbst keine Luft mehr zum Atmen gehabt, mir ist es wie meiner Firma gegangen. Ich hatte immer wieder Bauchschmerzen, die mich wie eine Presswehe überfallen haben, ich hab geglaubt, es zerreisst mich. Ich war längst in einem argen Burnout-trip, ohne das auch nur annähernd zu erkennen. Es war wirklich eine grausliche Zeit.

Vom Rettungsversuch in den Konkurs

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Immer weitermachen, denn Konkurs anmelden ist das Ende vom Leben. So dachte Renate, bis es tatsächlich so weit war.

Das Haus war verkauft, das heisst, ich musste etwas anmieten. Und zwar etwas, wo ich die Firma, Kind und Kegel unterbringen konnte. Meine Mitarbeiter brauchten Arbeitsplätze, ein Lager war notwendig usw. Also unterm Strich hatte ich die gleichen Kosten wie vorher, als ich damit die Rückzahlungen für das Haus leistete.

Überleben bis morgen und dann wieder bis morgen, das war die Devise. Es waren keine langfristigen Aktionen mehr möglich, oder Planungen oder Ziele. Also ich hab nicht mehr so selber gewusst was ich eigentlich tu. Zwischendurch ein Kind mit einem Fleck auf die Mathematikschularbeit. Und das totale Zerwürfnis mit meinen Eltern, weil ich das Haus verkauft hatte. Sie haben sich gänzlich von mir abgewandt und nicht erkannt, dass es die hilfsbedürftigste Situation in meinem Leben war. Also es hat sich alles immer mehr zugespitzt.

In meiner restlosen Verzweiflung und Einsamkeit hab ich meinen ehemaligen Partner aus den besseren Tagen angerufen. Wir hatten immer Kontakt gehalten und ich hatte das Gefühl, er war der Einzige, an den ich mich anklammern konnte er meint es sicher gut mit mir. Ich hab das wieder sehr emotional gesehen, bei ihm ist es mir damals gut gegangen. Dass er ein ökonomisch denkender Mensch ist und ich damals seine Eitelkeit sehr verletzt hatte, hab ich mir nicht überlegt.

Wir verhandelten über eine Fusionierung unserer beider Firmen. Verhandeln ist nicht meine starke Seite, ich bring es auch schon energetisch so rüber, dass mich die Leute nicht ernst zu nehmen brauchen. Also letzten Endes hat es bedeutet, dass ich meine Firma zusperre und für ihn wieder als Handelsvertreterin arbeite. Ich hab damals innerlich überhaupt keinen Widerstand mehr gespürt, keinen Stolz, keine Emotionen. Ich war am Ende meiner Kräfte.

Meinen Kundenstock hat er mit einer monatlichen Fixprovision abgelöst, damit konnte ich immerhin meine Schulden zurückzahlen. Natürlich hat es dazu nichts Schriftliches gegeben und wie lange diese Fixprovision bezahlt wird, darüber ist auch kein Wort gefallen. Ihm ist es dann auch nicht so gut gegangen und nach einem Jahr hat er mir gesagt, dass er mir das nicht mehr weiter bezahlen kann. Damit war klar, dass ich meine Schulden nicht mehr bezahlen kann.

Damals hat man schon öfter davon gehört, dass man sich bei der Kammer bei solchen Problemen beraten lassen kann. Ich bin also direkt hin und hab mit zwei Juristen gesprochen. Die haben die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und zu meiner Überraschung gesagt: Warum kommen Sie erst jetzt? Wollen Sie sich umbringen? Sofort Konkurs anmelden! Was Sie da wegzahlen ist ja schon Ihr halber Ausgleich! Das war für mich ein aha-Erlebnis, keiner hat gesagt, dass ich ein Trottel bin und warum ich das nicht schaffe.

Konkurs anmelden, das ist als Möglichkeit schon länger im Raum gestanden. Ich hatte schon lange das Gefühl, ich schaff es einfach nicht mehr, ich kann dieser Belastung einfach nicht mehr standhalten und ich seh auch keine Zukunft mehr. Aber was ist die Alternative? Und die war in meinen Augen eine Katastrophe, alleinerziehende Mutter mit einem Minigehalt. Insgesamt war es für mich, als würde ich dann zum Leben aufhören, das war für mich wie sterben. Da ist eine Mauer und dahinter ist es nur mehr schwarz, da gibt es kein Licht mehr.

Ich hatte eine Freundin, die war Geschäftsführerin in einer GmbH und die war damals auch im Ausgleich. Von ihr wusste ich auch schon, was zum Beispiel ein Masseverwalter ist und so. Das war mir schon ein bisschen geläufig und nicht mehr so abstrakt. Sie hat mir einen Anwalt empfohlen und der hat den Vorschlag der Kammer bestätigt. Er hat auch gemeint, dass wir zumindest einen Zwangsausgleich schaffen müssten. Ich hab ihn dann beauftragt, den Konkursantrag zu stellen. Das war so die absolute Spitze der Krise. Ich hab mir gedacht, und wenn ich damit gestorben bin, kann ich auch nichts mehr ändern.

Es war genau das Gegenteil. An dem Tag, als ich den Konkursantrag gestellt habe, ist irgendwie mein Leben wieder frei geworden. Ich hätte das nicht für möglich gehalten. Ich habe erst dann erkannt, wie unglaublich unfrei und fremdbestimmt ich gelebt hatte. Fremdbestimmt war ich natürlich während des Konkurses auch, aber ich fühlte mich auf eine neue Art frei.

Ein Zwangsausgleich und endlich Entspannung

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Renate erreichte einen Zwangsausgleich. Und damit war der Weg frei, neue Perspektiven zu entwickeln.

Der Masseverwalter war ein absolut liebenswürdiger und väterlicher Mensch. Heute denke ich mir, wenn es damals jemanden gab, der es wirklich gut gemeint hat mit mir, dann war es er. Ausgerechnet der, vor dem man sich am meisten fürchtet. Er übernimmt sowas wie die Vormundschaft, und damit ist genau das eingetreten, was ich am Meisten brauchte: Ich war gänzlich entlastet. Es war ein Gefühl als wär er gekommen und hätt gesagt, so Mädchen, jetzt nehmen wir den tonnenschweren Rucksack von deinen Schultern, setz dich einmal hin, rauch dir eine an, trink einmal einen Kaffee und raste dich ein bisschen aus, den Rest mach ich schon.

Ich hatte immer große Angst davor, aber mir ist es nie schlecht gegangen in dieser Zeit. Und kein erhobener Zeigefinger, nichts dergleichen. Das hat mir schon fast gefehlt, weil ich hab mir ja selbst so große Vorwürfe gemacht. Nie hatte ich in dieser ganzen Zeit das Gefühl dass irgend jemand mich schlecht gefunden hatte. Zweifellos hätte ich Dinge besser machen können, aber niemand hat diese Perfektion von mir verlangt, nur ich selber. Es war eine tolle Zeit.

Ich hab weiter gearbeitet, der Masseverwalter hat sich um alles andere gekümmert. Das Auto war natürlich sofort weg, die private Krankenversicherung, meine Lebensversicherung. Zum Glück hab ich meinen Gewerbeschein behalten können, den hab ich mit Klauen und Zähnen verteidigt. Der Masseverwalter hat natürlich auch begonnen, diese Sache mit der Fixprovision aufzugreifen. Da hab ich letztlich den Kürzeren gezogen. Mein Partner hat in der Verhandlung dann behauptet, dass es ein Darlehen an mich gewesen wäre und letztlich haben sie ihm geglaubt. Also er hat das auch noch als Forderung eingebracht und ich musste ihm 20% bezahlen.

Es wurde ein Zwangsausgleich, und da hatte ich auch noch Glück. Ich habe mich nämlich an meinen Exmann gewandt, der hat noch immer nur 3.000 Schilling im Monat bezahlt. Ich hab ihm gesagt, dass er jetzt mehr beitragen sollte weil ich war ja auf einem Minimum und er hat sehr gut verdient. Er hat sich geweigert und gemeint, das geht ihn alles nichts an. Mit Unterstützung des Masseverwalters hab ich dann das Jugendamt eingeschaltet und letzten Endes musste er für die letzten drei Jahre eine beträchtliche Summe nachzahlen. Dadurch konnte ich auch einen Teil des Zwangsausgleichs finanzieren. Zwischen 1995 und 1997 hab ich die Restschulden in sechs Raten abgetragen, das waren immerhin noch ca. 600.000 Schilling.

Am Höhepunkt der Krise hatte mich eine Freundin zu einem Astro-Therapeuten geschickt. Ich hab dann etliche Therapiestunden gemacht. Da ist es eigentlich immer mehr darum gegangen, dass meine Anlagen eigentlich woanders wären. Der Therapeut hat mir geholfen zu sehen, dass ich auch andere Wege gehen kann, dass ich aus diesen Schienen rausspringen kann. Ich denke mir, es ist diese insgesamte Transformation nur möglich, wenn es einem schlecht geht. Wenn es einem gut geht, lernen wir nix dazu, da wachsen wir nicht.

Der Konkurs war das Beste, was mir passieren konnte. Das wurde mir durch die Therapie klar. Dadurch, dass ich schon so früh so viel verdient hatte, war ich irgendwie so verstrickt in das ganze System. Es war eigentlich irgendwann nicht mehr möglich zu sagen, es freut mich nicht mehr, ich möchte etwas Anderes machen und wieder bei Null anfangen. Ich hatte diese enormen Summen an Steuer und Sozialversicherung zu zahlen und die hingen immer hinten nach. Man kann das natürlich auffangen wenn man clever ist, dazu braucht man eine langfristige Planung. Aber während ich gearbeitet hab, hab ich nie daran gedacht, was ist, wenn ich das nicht mehr machen will? Und ich will nichts beschönigen, mein Umgang mit Geld ist eine Katastrophe. Wenn man da anders plant und agiert, wär das schon auch anders möglich gewesen.

Neue Ausbildung - neues Leben

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Renate bietet heute Seminare und Beratungen rund um das Thema ganzheitliche Lebensführung an und versucht, Ihre Erfahrungen weiter zu geben.

Ich hab dann mit einer Ausbildung zur Astro-Therapeutin begonnen und mich auch noch in anderen Bereichen wie Aromatherapie weiter gebildet. Ich hab dann auch meinen Mann kennengelernt und ich bin mit 40 noch einmal Mutter geworden. Wir ziehen demnächst in unser Haus ein, das wir gebaut haben.

Mein Leben hat sich gänzlich geändert. Ich biete heute Produkte, Seminare und Beratungen an, die sich alle um das Thema ganzheitliche Lebensführung drehen. Mein Mann verdient gut und deckt genau meine Defizite ab. Er hat einen sehr sorgsamen Umgang mit Geld. Wenn ich zwei Euro einnehme, dann sagt er, einen davon legen wir für die Steuer und die Sozialversicherung weg. Er kümmert sich um meine Verträge und ich brauch nicht mehr auf eine Bank gehen, wenn ich nicht will.

Der Druck ist aus meinem Leben gewichen. Ich trage nicht mehr alleine Verantwortung für ein Kind. Ich habe den Freiraum, Dinge langsam und vorsichtig anzugehen. Ich weiss inzwischen, dass die Burnout-Gefahr bei mir angelegt ist und ich muss auch immer wieder darauf aufpassen, dass ich mich nicht zu sehr hineinsteigere - dass es noch Aktivität im positiven Sinn bleibt. Und ich kann mich jetzt wirklich Dingen widmen, die mein Herz erfüllen und muss nicht irgendwelchen Dingen nachrennen, weil es existenziell wichtig ist. Was mir von damals geblieben ist, das ist ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis. Das hatte ich früher nicht.

Ich bin froh, dass mir der Ausstieg möglich war. Ich war damals jung und hab abnormal viel Geld verdient. Und da bekommen natürlich Dinge ein Gewicht, die von ungeheurer Oberflächlichkeit waren. Ich lebe jetzt viel intensiver und viel schöner und tiefer, ich bin an Teile meines Wesens herangekommen, die ich zuvor nicht kannte. Und es ist schön, dass ich anderen Menschen in meinen Kursen und Seminaren etwas von meinen Erfahrungen weitergeben kann. Deshalb hab ich mich auch entschlossen, dieses Interview zu machen.

Ich habe ein Netzwerk gegründet, von Müttern, die selbständig sind. Es ist noch am Anfang, aber es funktioniert toll. Wir tauschen uns aus, vermitteln und helfen uns weiter. Ich hab einfach gelernt, wie wichtig es ist, sich auszutauschen und wie leicht man sonst in eine Schiene kommt, aus der man nicht mehr herausfindet.

Diese Einsamkeit damals, das war eine Extremsituation und es gibt viele, die in einer ähnlichen Situation sind. Meine Freundin damals, es war nicht ihre Firma im Ausgleich, aber trotzdem, die hat auch nicht schlafen können, hat sich auch gefürchtet. Das hat mir damals sehr geholfen, das Gefühl, dass ich nicht die Einzige bin. Wenn ich die Zeitung aufmache und da lese ich von einem Konkurs, das spürt sich nicht an, das ist ja sehr abstrakt. Und meist sind es große Firmen und dann denk ich mir nur, nicht einmal die überstehen schwierige Zeiten. Als Kleiner plagt man sich ja viel mehr, hat man ja viel weniger background.

Ich denke noch immer über meine Fehler nach. Jeder macht unternehmerische Fehler, aber die müssen nicht unbedingt im Drama enden.

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