Leben mit der Krise
unternehmer-in-not.at

Der Fluch des raschen Geldes

>> Mitten im Burnout

Mitten in der Krise schafft Renate noch einmal einen Rekordumsatz und verkauft das Haus.

Stichworte: Branchen: EDV, IKT | Branchen: Handel | Burn out | Erfahrungsberichte | Familie und Beruf | Familienbetrieb | Zwangsausgleich

Dann hat es natürlich auch bei mir begonnen, ich hab auch nicht immer alles prompt zahlen können. Also damals bin ich jeden Tag auf die Bank gerannt, hab geschaut, was hereingekommen ist und hab sofort Zahlscheine ausgefüllt. Dann ist mir auch noch ein ganz großer Kunde umgefallen. Ich hatte Kunden mit 90 und 120 Tagen Zahlungsziel und da ist es um Riesenbeträge gegangen, die ich vorfinanzieren musste. Aber womit?

Ich hatte einen Umsatz von ein paar Millionen Schilling und auf der Bank einen Rahmen von 100.000 Schilling. Es hat einfach der Spielraum gefehlt. Ich hab von Anfang an mit der Bank sehr offen gesprochen und hab nie beschönigt. Die Banken sind hysterisch geworden weil natürlich da und dort große und kleine Firmen umgefallen sind und sie haben einen ungeheuren Druck gemacht. Also auch meine Beziehung zur Bank wurde immer angespannter und kritischer.

Heute weiss ich, ich hab viele Stärken, der Umgang mit Geld gehört nicht dazu. Und ich bin ein ganz ganz schlechter Verhandler. Ich bin also zur Bank und hab gesagt, dass ich mit diesem Rahmen nicht arbeiten kann. Jetzt hat der zu mir gesagt, verkaufen sie das Haus, bringen Sie damit ihre monatlichen Belastungen herunter und tun sie weiter. Wenn Sie mir die erste positive Bilanz bringen, dann können den Rahmen erhöhen. Das war im Frühling 93.

Ich hab das Haus verkauft und den Umsatz bis zum Jahresende auf 6 Millionen Schilling hochgefahren. In so einer wirtschaftlich schlechten Lage noch so hoch zu fahren, das war aus heutiger Sicht sensationell. Ich weiss gar nicht mehr, wie ich das damals geschafft habe. Ich hab der Bank die Bilanz vorgelegt. Der Effekt war, dass sie meinen Rahmen auf 50.000 reduziert haben. Ich hab geweint wie ein Schlosshund, ich war am Ende meiner Kräfte.

Wie ein Nagel in eine Luftmatratze, eine solche Wirkung hatte dieses Gespräch mit der Bank. Als ob das ganze Blut aus dem Körper entwichen wäre. All die Jahre vorher war ich wirklich ununterbrochen auf 100, immer in Spannung. Ich kann mich nicht erinnern, dass es irgendeine Situation gegeben hätte, wo ich einfach einmal in der Sonne gelegen wäre. Wie ein Hamster im Käfig, immer in Bewegung. Einmal raussteigen und sich das alles anschauen aus einer anderen Perspektive, nicht einmal dafür war Platz. Also mega unproduktiv in Wahrheit. Auch im Freundeskreis, wenn ich gesagt habe, dass es total anstrengend ist und ich nicht mehr weiss, ich das machen soll, also das hat niemand so ernst genommen.

Mir hat der Austausch mit Gleichgesinnten damals sehr gefehlt. Leute, die angestellt sind, leben in einer anderen Welt. Selbst meine Eltern, die kannten zwar die Komplikationen der Selbständigkeit. Aber auch sie haben nicht erfassen können, was bei mir eigentlich los war. Ich war wahnsinnig einsam. Es war niemand da, der mich freundschaftlich begleitet hätte, die Beziehung hat diesen Stress auch nicht überlebt. Den innigsten Kontakt hatte ich mit meiner Bank und mit meinem Steuerberater, also es war wirklich traurig.

Die Last war so immens, ich hab Rückenbeschwerden gehabt, bis hin zu Bandscheibenvorfällen. Und ich hab auch selbst keine Luft mehr zum Atmen gehabt, mir ist es wie meiner Firma gegangen. Ich hatte immer wieder Bauchschmerzen, die mich wie eine Presswehe überfallen haben, ich hab geglaubt, es zerreisst mich. Ich war längst in einem argen Burnout-trip, ohne das auch nur annähernd zu erkennen. Es war wirklich eine grausliche Zeit.

Weiterlesen:

Kap. 1: Der Fluch des raschen Geldes

Kap. 2: Der Shooting-Star verlässt das Nest

Kap. 3: Gespannt wie ein Gummiringerl

Kap. 4: Mitten im Burnout

Kap. 5: Vom Rettungsversuch in den Konkurs

Kap. 6: Ein Zwangsausgleich und endlich Entspannung

Kap. 7: Neue Ausbildung - neues Leben

Online seit: 22.10.2003

Seitenanfang

Suche auf www.unternehmer-in-not.at:

Benutzerdefinierte Suche
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen, Angaben zum Haftungsausschluss und zum Datenschutz.
Verwendung von Texten nur mit schriftlicher Erlaubnis