Leben mit der Krise
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Der Fluch des raschen Geldes

>> Gespannt wie ein Gummiringerl

Selbständig ist nicht gleich selbständig. Eine eigene Firma hoch zu fahren war aufwändiger als geplant und dann kam auch noch die Wirtschaftskrise.

Stichworte: Branchen: EDV, IKT | Branchen: Handel | Burn out | Erfahrungsberichte | Familie und Beruf | Familienbetrieb | Zwangsausgleich

Eine emotionale Entscheidung war es sicher. Aber ich hab schon viele Gespräche geführt, auch mit der Bank. Mir war klar, dass ich ihre Unterstützung brauche. Meine 100.000 Provision waren ja 200.000 erwirtschafteter Rohertrag und alle haben gesagt, bitte davon kannst du wunderbar leben. Ich hatte einen fast fünf Jahre alten Kundenstock von dem ich auch wusste, dass ich ihn stark an mich persönlich gebunden hatte. Also mit dem Konzept hab ich mir gedacht, wird das funktionieren.

Praktisch über Nacht hab ich auf ein Grundstück meiner Eltern in Wien einen Bürocontainer hingestellt. Es musste auch schnell gehen, sonst hätte ich die Kunden verloren. Was ich natürlich völlig übersehen hatte war, dass ich nicht gleichzeitig telefonieren, Aufträge entgegen nehmen, die Ware beschaffen, die Ware ausliefern usw. kann. Es war also doch sehr viel schwieriger als ich dachte weil ich diese andere Seite nicht so richtig ernst genommen habe. Zum Glück hatte ich eine Schwester, die mir dann halbtags geholfen hat. Das war wirklich eine aufregende und schöne Zeit, aber es war irrsinnig schwierig.

Es waren wohl Hürden, aber es hat funktioniert. Ich habe damals in einem Mietshaus außerhalb von Wien gewohnt. Durch die vielen Kilometer konnte ich mein Leasingauto nicht mehr wie geplant zurückgeben. Dann wurde auf die Wohnung Eigenbedarf angemeldet und ich stand auf der Straße. Meine Eltern hatten einen Pachtgrund von einem Stift, den boten sie mir an, ich könnte ein Haus darauf bauen. Ich hatte wieder eine Beziehung zu einem Mann, der meinte, das schaffen wir schon. Also hab ich wieder Haus gebaut. So hatte ich auch die Möglichkeit, alles auf einem Platz zusammen zu haben und mich auch um mein Kind kümmern zu können. Es war schon wahnsinnig schwierig einen Pachtgrund zu bebauen weil er der Bank keine Sicherheit bietet. Ich war alleinerziehend, selbständig und hatte noch keine ordentliche Bilanz. Dann ist auch noch mein Kind schwer krank geworden.

Es war wirklich brutal. Ich musste irrsinnig viel Energie aufwenden um Mitarbeiter zu finden. In guten Zeiten hab ich fünf Leute beschäftigt. Aber auch hier wieder, furchtbar viel Zeit, viel Energie. Mitarbeiter finden, einschulen, sich mit ihnen beschäftigen, motivieren. Andere Firmen haben dafür eine eigene Abteilung. Aber ich hab immer noch gelebt und auch nicht schlecht. Ich hatte noch alle meine Kunden.

Nicht bedacht hatte ich auch, dass ich durch meine extremen Verdienste in den vergangenen Jahren noch immer irrsinnig hohe Kosten hatte. Sozialversicherung und Einkommenssteuer, ich war überall in der höchsten Klasse. Ich hatte mir auf Anraten meines Steuerberaters ein sündteures Auto geleast. Irgendwie war es mir schon bewusst, aber dieses Mitnehmen dieser Kosten hatte ich nicht eingerechnet. Dann hat auch die Firma irrsinnig viel gefressen. Telefonrechnung, ich brauchte ein Lieferauto, Werbemaßnahmen usw. Mein Steuerberater hat für die Bilanz 50.000 Schilling verlangt. Und Null Startkapital.

Und dazu kam die Wirtschaftsflaute, die sich so langsam eingeschlichen hat. Man hat gespürt, es ist zäh geworden. Also man hat drei neue Kunden gebraucht um die Sparmaßnahmen eines bestehenden Kunden zu kompensieren. Dann haben die Leute nicht mehr bezahlt, ganz schlimm die Zahlungsmoral. Ich hab drei mal so lange gebraucht für den Mahnlauf wie vorher und bin auch immer wieder um Geld umgefallen. Das war nicht leistbar ist in so einer Situation. Da muss alles funktionieren und da kann man keine Sekunde krank sein oder müde. Überhaupt kein Spielraum, gespannt wie ein Gummiringerl.

Weiterlesen:

Kap. 1: Der Fluch des raschen Geldes

Kap. 2: Der Shooting-Star verlässt das Nest

Kap. 3: Gespannt wie ein Gummiringerl

Kap. 4: Mitten im Burnout

Kap. 5: Vom Rettungsversuch in den Konkurs

Kap. 6: Ein Zwangsausgleich und endlich Entspannung

Kap. 7: Neue Ausbildung - neues Leben

Online seit: 22.10.2003

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