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Es war einfach aussichtslos und fünf Jahre nach dem Start war dann Game over. Nun haftete ich für die Kredite der gesamten Unternehmensgruppe und alle waren bei der gleichen Bank. Die Trennung in mehrere GmbHs war ja an sich eine gute Idee, aber so wie wir es gestrickt hatten völlig sinnlos. So hat es nur den Steuerberatern fette Einkünfte gebracht. Die Bank hat das genauso gesehen wie ich, nämlich dass die Unternehmen eine Einheit waren. Damit ist alles den Bach runter gegangen, auch jene Teile, die alleine betrachtet lebensfähig gewesen wären.
Das war rückblickend die schlimmste Zeit. Irgendwie noch die Hoffnung auf ein Wunder oder doch der Berater, der das rettende Konzept aus dem Hut zaubert. Da gingen ja zum Schluss die hahnebüchensten Personen ein und aus ? als ob auf dem Dachgiebel stehen würde: Reif zum Abzocken! Ich hatte dann Gott sei Dank immer auch die Steuerberaterin beigezogen. Wir hatten z.B. einen Finanzierungsberater bei uns, bei dem hat sich dann herausgestellt, dass er von der Polizei gesucht wurde. Also wenn man da nicht aufpasst, kommt man vom Regen in die Traufe. Ich hatte ja gleich ein ungutes Gefühl, aber man will nur mehr wahrhaben, dass es vielleicht noch helfen könnte. Also das ist sicher die belastendste Phase, in der man sich damit abfinden muss, dass jetzt Schluss ist.
Sehr geholfen hat mir ein befreundeter Unternehmer. Er hat zu mir gesagt: Was du da versuchst ist ein Spagat, der sich nicht ausgeht. Lass es gut sein, mach dicht, fang neu an. Nimm dir drei Monate Zeit und denk darüber nach, was du wirklich willst und brauchst. Meine erste Reaktion war damals, dass ich total beleidigt war. Wahrscheinlich weil ich schon spürte, dass er recht hatte, aber ich wollte es noch nicht wahrhaben. Mein größter Wunsch damals war, mit jemandem zu sprechen, der diesen Weg schon gegangen war. Ich habe gesagt, Bitte gebt mir einen, mit dem ich reden kann, der mir zeigt, dass man hinterher auch noch lebt! Aber diesen Wunsch konnte mir niemand erfüllen. Ich hatte unglaublich viel Angst und mir erschien alles aussichtslos.
Als es aber dann soweit war, ich gehe zum Gericht und reiche den Konkursantrag ein, das war einer der schönsten Tage. Ich bin wie auf Wolken raus aus dem Gericht und habe gedacht Hurra, es ist überstanden, alles was jetzt kommt kann nicht schlimmer sein als die letzten drei Jahre. Ich hatte eigentlich keine Ahnung, was auf mich zukommen würde, aber es war wirklich so. Ein Konkurs ist schlimm, aber nicht das Schlimmste, das einem passieren kann. Erstaunlicherweise sind sogar Masseverwalter Menschen, mit denen man reden kann. Die machen einfach ihren Job und das ohne Emotionen. Ich habe mich so lange leiten lassen von einer bestimmten Moralvorstellung und von meinem Schamgefühl. Man will das weder sich selbst noch gegenüber den anderen eingestehen, dass man es nicht geschafft hat. Wenn man aber einmal soweit kommt, dass man sagt, das war ein wirtschaftlicher Teil meiner selbst, aber nicht mein gesamtes Ich, das da gescheitert ist, dann kann man weiter machen. Das war eine sehr befreiende Erfahrung für mich.
Da sind so banale Dinge. Zum Beispiel die Banken. Zuerst stopfen sie dich voll mit Kaviar weil du ja so vielversprechend bist und dann musst du zu deinem Bankberater gehen und sagen Ich bin pleite. Und dann hab ich mir vorgestellt, dass mir bei den Tagsatzungen alle Gläubiger Vorwürfe machen und mich mit faulen Tomaten beschmeissen. Aber das geht dann überhaupt nicht moralisierend vor sich sondern ganz rational wird das abgewickelt. Da gab es bei mir so viele diffuse Ängste.
Ich war ja schon so in einem Automatismus drin. Immer noch suchen nach Rettungsmöglichkeiten, da ein Lichtblick, dort ein Hoffnungsschimmer, zugesagte Kooperationen und alles zerschlägt sich. Und das alles mit einer unglaublichen Zeitverzögerung, aber ab einem bestimmten Punkt hat man keine Zeit mehr. Das bekommt alles so eine Eigendynamik. Am Anfang geht alles noch relativ langsam und plötzlich wird alles viel schneller. Aus Mahnungen werden Exekutionen und dann steht das erste Mal der Exekutor vor der Tür. Das hatte ich noch nicht erlebt, ich fühlte mich schuldig, gedemütigt und war nur mehr voller Panik.
Die 4.000 Euro für die Eröffnung des Konkursverfahrens musste ich in meinem Freundeskreis aufstellen. Ich hatte ja nicht daran gedacht, dass man für die Eröffnung des Konkursverfahrens auch noch was bezahlen muss. Ich hatte alles bis auf den letzten Cent in Rettungsmaßnahmen gesteckt. Mir ist das total absurd vorgekommen, ich eröffne ja einen Konkurs weil ich pleite bin. Aber nicht einmal für einen Konkurs darf man total pleite sein.
Kap. 1: Von der Beziehungskrise in die Existenzkrise
Kap. 2: Hohe Umsätze, wenige Kunden
Kap. 3: Beziehungsende und erste Konflikte mit Kunden
Kap. 4: Der zweite große Kunde will überraschend abspringen
Kap. 5: Game over - zu pleite für den Konkurs?
Kap. 6: Schadensbegrenzung zum Teil gelungen
Online seit: 22.02.2006


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