Leben mit der Krise
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Der Fluch des raschen Geldes

>> Vom Rettungsversuch in den Konkurs

Immer weitermachen, denn Konkurs anmelden ist das Ende vom Leben. So dachte Renate, bis es tatsächlich so weit war.

Stichworte: Branchen: EDV, IKT | Branchen: Handel | Burn out | Erfahrungsberichte | Familie und Beruf | Familienbetrieb | Zwangsausgleich

Das Haus war verkauft, das heisst, ich musste etwas anmieten. Und zwar etwas, wo ich die Firma, Kind und Kegel unterbringen konnte. Meine Mitarbeiter brauchten Arbeitsplätze, ein Lager war notwendig usw. Also unterm Strich hatte ich die gleichen Kosten wie vorher, als ich damit die Rückzahlungen für das Haus leistete.

Überleben bis morgen und dann wieder bis morgen, das war die Devise. Es waren keine langfristigen Aktionen mehr möglich, oder Planungen oder Ziele. Also ich hab nicht mehr so selber gewusst was ich eigentlich tu. Zwischendurch ein Kind mit einem Fleck auf die Mathematikschularbeit. Und das totale Zerwürfnis mit meinen Eltern, weil ich das Haus verkauft hatte. Sie haben sich gänzlich von mir abgewandt und nicht erkannt, dass es die hilfsbedürftigste Situation in meinem Leben war. Also es hat sich alles immer mehr zugespitzt.

In meiner restlosen Verzweiflung und Einsamkeit hab ich meinen ehemaligen Partner aus den besseren Tagen angerufen. Wir hatten immer Kontakt gehalten und ich hatte das Gefühl, er war der Einzige, an den ich mich anklammern konnte er meint es sicher gut mit mir. Ich hab das wieder sehr emotional gesehen, bei ihm ist es mir damals gut gegangen. Dass er ein ökonomisch denkender Mensch ist und ich damals seine Eitelkeit sehr verletzt hatte, hab ich mir nicht überlegt.

Wir verhandelten über eine Fusionierung unserer beider Firmen. Verhandeln ist nicht meine starke Seite, ich bring es auch schon energetisch so rüber, dass mich die Leute nicht ernst zu nehmen brauchen. Also letzten Endes hat es bedeutet, dass ich meine Firma zusperre und für ihn wieder als Handelsvertreterin arbeite. Ich hab damals innerlich überhaupt keinen Widerstand mehr gespürt, keinen Stolz, keine Emotionen. Ich war am Ende meiner Kräfte.

Meinen Kundenstock hat er mit einer monatlichen Fixprovision abgelöst, damit konnte ich immerhin meine Schulden zurückzahlen. Natürlich hat es dazu nichts Schriftliches gegeben und wie lange diese Fixprovision bezahlt wird, darüber ist auch kein Wort gefallen. Ihm ist es dann auch nicht so gut gegangen und nach einem Jahr hat er mir gesagt, dass er mir das nicht mehr weiter bezahlen kann. Damit war klar, dass ich meine Schulden nicht mehr bezahlen kann.

Damals hat man schon öfter davon gehört, dass man sich bei der Kammer bei solchen Problemen beraten lassen kann. Ich bin also direkt hin und hab mit zwei Juristen gesprochen. Die haben die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und zu meiner Überraschung gesagt: Warum kommen Sie erst jetzt? Wollen Sie sich umbringen? Sofort Konkurs anmelden! Was Sie da wegzahlen ist ja schon Ihr halber Ausgleich! Das war für mich ein aha-Erlebnis, keiner hat gesagt, dass ich ein Trottel bin und warum ich das nicht schaffe.

Konkurs anmelden, das ist als Möglichkeit schon länger im Raum gestanden. Ich hatte schon lange das Gefühl, ich schaff es einfach nicht mehr, ich kann dieser Belastung einfach nicht mehr standhalten und ich seh auch keine Zukunft mehr. Aber was ist die Alternative? Und die war in meinen Augen eine Katastrophe, alleinerziehende Mutter mit einem Minigehalt. Insgesamt war es für mich, als würde ich dann zum Leben aufhören, das war für mich wie sterben. Da ist eine Mauer und dahinter ist es nur mehr schwarz, da gibt es kein Licht mehr.

Ich hatte eine Freundin, die war Geschäftsführerin in einer GmbH und die war damals auch im Ausgleich. Von ihr wusste ich auch schon, was zum Beispiel ein Masseverwalter ist und so. Das war mir schon ein bisschen geläufig und nicht mehr so abstrakt. Sie hat mir einen Anwalt empfohlen und der hat den Vorschlag der Kammer bestätigt. Er hat auch gemeint, dass wir zumindest einen Zwangsausgleich schaffen müssten. Ich hab ihn dann beauftragt, den Konkursantrag zu stellen. Das war so die absolute Spitze der Krise. Ich hab mir gedacht, und wenn ich damit gestorben bin, kann ich auch nichts mehr ändern.

Es war genau das Gegenteil. An dem Tag, als ich den Konkursantrag gestellt habe, ist irgendwie mein Leben wieder frei geworden. Ich hätte das nicht für möglich gehalten. Ich habe erst dann erkannt, wie unglaublich unfrei und fremdbestimmt ich gelebt hatte. Fremdbestimmt war ich natürlich während des Konkurses auch, aber ich fühlte mich auf eine neue Art frei.

Weiterlesen:

Kap. 1: Der Fluch des raschen Geldes

Kap. 2: Der Shooting-Star verlässt das Nest

Kap. 3: Gespannt wie ein Gummiringerl

Kap. 4: Mitten im Burnout

Kap. 5: Vom Rettungsversuch in den Konkurs

Kap. 6: Ein Zwangsausgleich und endlich Entspannung

Kap. 7: Neue Ausbildung - neues Leben

Online seit: 22.10.2003

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