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Der Masseverwalter war ein absolut liebenswürdiger und väterlicher Mensch. Heute denke ich mir, wenn es damals jemanden gab, der es wirklich gut gemeint hat mit mir, dann war es er. Ausgerechnet der, vor dem man sich am meisten fürchtet. Er übernimmt sowas wie die Vormundschaft, und damit ist genau das eingetreten, was ich am Meisten brauchte: Ich war gänzlich entlastet. Es war ein Gefühl als wär er gekommen und hätt gesagt, so Mädchen, jetzt nehmen wir den tonnenschweren Rucksack von deinen Schultern, setz dich einmal hin, rauch dir eine an, trink einmal einen Kaffee und raste dich ein bisschen aus, den Rest mach ich schon.
Ich hatte immer große Angst davor, aber mir ist es nie schlecht gegangen in dieser Zeit. Und kein erhobener Zeigefinger, nichts dergleichen. Das hat mir schon fast gefehlt, weil ich hab mir ja selbst so große Vorwürfe gemacht. Nie hatte ich in dieser ganzen Zeit das Gefühl dass irgend jemand mich schlecht gefunden hatte. Zweifellos hätte ich Dinge besser machen können, aber niemand hat diese Perfektion von mir verlangt, nur ich selber. Es war eine tolle Zeit.
Ich hab weiter gearbeitet, der Masseverwalter hat sich um alles andere gekümmert. Das Auto war natürlich sofort weg, die private Krankenversicherung, meine Lebensversicherung. Zum Glück hab ich meinen Gewerbeschein behalten können, den hab ich mit Klauen und Zähnen verteidigt. Der Masseverwalter hat natürlich auch begonnen, diese Sache mit der Fixprovision aufzugreifen. Da hab ich letztlich den Kürzeren gezogen. Mein Partner hat in der Verhandlung dann behauptet, dass es ein Darlehen an mich gewesen wäre und letztlich haben sie ihm geglaubt. Also er hat das auch noch als Forderung eingebracht und ich musste ihm 20% bezahlen.
Es wurde ein Zwangsausgleich, und da hatte ich auch noch Glück. Ich habe mich nämlich an meinen Exmann gewandt, der hat noch immer nur 3.000 Schilling im Monat bezahlt. Ich hab ihm gesagt, dass er jetzt mehr beitragen sollte weil ich war ja auf einem Minimum und er hat sehr gut verdient. Er hat sich geweigert und gemeint, das geht ihn alles nichts an. Mit Unterstützung des Masseverwalters hab ich dann das Jugendamt eingeschaltet und letzten Endes musste er für die letzten drei Jahre eine beträchtliche Summe nachzahlen. Dadurch konnte ich auch einen Teil des Zwangsausgleichs finanzieren. Zwischen 1995 und 1997 hab ich die Restschulden in sechs Raten abgetragen, das waren immerhin noch ca. 600.000 Schilling.
Am Höhepunkt der Krise hatte mich eine Freundin zu einem Astro-Therapeuten geschickt. Ich hab dann etliche Therapiestunden gemacht. Da ist es eigentlich immer mehr darum gegangen, dass meine Anlagen eigentlich woanders wären. Der Therapeut hat mir geholfen zu sehen, dass ich auch andere Wege gehen kann, dass ich aus diesen Schienen rausspringen kann. Ich denke mir, es ist diese insgesamte Transformation nur möglich, wenn es einem schlecht geht. Wenn es einem gut geht, lernen wir nix dazu, da wachsen wir nicht.
Der Konkurs war das Beste, was mir passieren konnte. Das wurde mir durch die Therapie klar. Dadurch, dass ich schon so früh so viel verdient hatte, war ich irgendwie so verstrickt in das ganze System. Es war eigentlich irgendwann nicht mehr möglich zu sagen, es freut mich nicht mehr, ich möchte etwas Anderes machen und wieder bei Null anfangen. Ich hatte diese enormen Summen an Steuer und Sozialversicherung zu zahlen und die hingen immer hinten nach. Man kann das natürlich auffangen wenn man clever ist, dazu braucht man eine langfristige Planung. Aber während ich gearbeitet hab, hab ich nie daran gedacht, was ist, wenn ich das nicht mehr machen will? Und ich will nichts beschönigen, mein Umgang mit Geld ist eine Katastrophe. Wenn man da anders plant und agiert, wär das schon auch anders möglich gewesen.
Kap. 1: Der Fluch des raschen Geldes
Kap. 2: Der Shooting-Star verlässt das Nest
Kap. 3: Gespannt wie ein Gummiringerl
Kap. 4: Mitten im Burnout
Kap. 5: Vom Rettungsversuch in den Konkurs
Kap. 6: Ein Zwangsausgleich und endlich Entspannung
Kap. 7: Neue Ausbildung - neues Leben
Online seit: 22.10.2003


Wie Selbständige Ziele realistisch definieren, Chancen erkennen und Probleme aktiv lösen